14. Festival 2004

Konzeption


»Das Eigene im Gefüge«

09. – 14. November 2004


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Dass Richard Wagner im lettischen Riga Kapellmeister am damaligen Deutschen Theater war, gab den letzten Ausschlag zu einer Erkenntnis, zu der ich während meiner zweijährigen Festivalrecherche schon gelangt war: Die neuen Länder der Europäischen Union verkörpern eigentlich das alte Europa, das es jetzt neu zu entdecken gilt.

Nirgendwo ist der europäische Gedanke älter als auf Malta. Kaiser Karl V. schenkte die Insel 1530 dem Johanniterorden (später Malteserorden). Ordensritter aus zahlreichen Ländern pflegten hier gemeinsam die Kranken aus ganz Europa und machten keinen Unterschied zwischen deren Religionen. Vorher entführte, nach den »Metamorphosen« von Ovid, Zeus in Gestalt eines Stiers die schöne Europa, und nachher, am 09. Mai 1950 in Paris, erläuterte der französische Außenminister Robert Schuman seinen Plan, Europa friedlich zu einigen.

Auf welch gleiche Wurzeln die »neuen« wie die »alten« Länder zurückgehen, lässt sich unschwer an den Fäden europäischer Kunst nachvollziehen. Diese spinnen sich von Tallinn, dem alten Reval, nach Hrastovlje in Slowenien und Berlin (wo beinahe gleiche »Totentanz«-Fresken die Kunstgeschichte bereichern), von Ljubljana, ehemals Laibach, nach Paris (wo der gleiche Jugendstil begeistert), von Bratislava – ehemals Pressburg – nach Wien (das nur 60 km entfernt liegt und, neben der ähnlichen Küche und der Donau, auch den gleichen Barock zu bieten hat). Thomas Mann hatte ein Sommerhaus auf der Kurischen Nehrung im heutigen Litauen. Und Zypern schließlich lässt Erinnerungen aufsteigen an eine Mauer, die quer durch Land und Hauptstadt gezogen wurde. Das alles ist fremd und vertraut zugleich.

Beschäftigt man sich mit Europa, wird man in den meisten Beitrittsländern unweigerlich auch mit den Folgen seines dunkelsten Kapitels konfrontiert. Stellvertretend sei die alte Festungsstadt Terezín (Theresienstadt) in der Nähe von Prag genannt, in der während des 2. Weltkriegs eines der größten Durchgangslager und Judengettos Europas eingerichtet wurde. Hier haben Künstler wie Viktor Ullmann bis zu ihrem Tod komponiert, andere getanzt und Theater gespielt. All das prägt, wenn auch oft unbewusst, die Kunst von heute und gibt ihr in manchen Momenten noch eine andere Dimension.

Mit all diesem Gedankengewirr im Kopf galt es, ein Festivalprogramm zusammenzustellen. Kein »westlicher« Blick soll prüfen, wie weit »der Osten« schon gekommen ist. Es gilt vielmehr, den kulturellen Reichtum dieser Regionen als Chance zu begreifen, sich vom »Höher, Schneller, Weiter« westlicher Theatermechanismen zu lösen und sich in einem Innehalten ganz neu existentiellen Lebensfragen zu stellen. Unser Festival steht diesmal unter dem Motto »Das Eigene im Gefüge«. Es will ein Fenster öffnen und Sie einladen zu eigenen Entdeckungen, Verzauberungen, zu tiefem Betroffensein. Genießen Sie die großen Stücke von Alvis Hermanis und Krzysztof Warlikowski, die zu den Höhepunkten des gegenwärtigen Theaters gehören, ebenso wie die kleineren Gastspiele, in denen sich schlaglichtartig eine eigene Welt offenbart.

Ich danke sehr herzlich allen Partnern und Kollegen, die dieses Festival finanziell und künstlerisch ermöglicht haben. Und ich bin sicher: Richard Wagner, in Leipzig geboren, würde heute gewiss wieder nach Riga fahren, um seine Oper »Rienzi«, die er dort begonnen hatte, auch dort zu vollenden.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin und Künstlerische Leitung

Leipzig, 12.09.2004