12. Festival 2002

Konzeption


»Wurzeln & Visionen«

12. – 17. November 2002


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Momente des Seins

Durch Zukunft entsteht Gegenwart, die einen Moment später schon wieder Vergangenheit ist. Einen kurzen Augenblick nur währt dieser Moment, dem wir uns mit so viel Mühen widmen, dem wir so viel Bedeutung beimessen und ohne den es kein Gestern und kein Morgen geben würde.

Und der umgekehrte Blick: Wir alle sind durch Wurzeln geprägt, unsere Herkunft, Sprache, Heimat. Unsere Vergangenheit prägt alle Gegenwart. Und wir haben Hoffnungen, Visionen, die das Voranschreiten der Welt, zumindest nach unserem Maß, ausmachen. Der fassbare Moment glitt soeben aus der Zukunft ins Vergangene. Und jeder Künstler strebt wohl danach, in seinem »Tagwerk« das Sein zwischen Noch-Nicht und Nicht-Mehr fest zu halten.

Die 12. euro-scene Leipzig besinnt sich – »Tagwerk« zwischen Wurzeln und Visionen. Einer Ausnahmesituation folgt die Schwierigkeit der Normalität. Die von uns organisierte »Tanzplattform Deutschland 2002« im Februar, ein aufwändiges Ereignis von internationalem Rang, lag kurz nach dem Festival 2001, das Michael Freundt als dessen künstlerischer Leiter unter dem Motto »Leibesvisitationen « überaus erfolgreich zusammengestellt hat.

Die letzten Monate erforderten Durchhaltevermögen: Für die Vorbereitungen der euro-scene blieb weniger Zeit als sonst, und der Anerkennung aus Europa und Übersee bei der »Tanzplattform Deutschland« folgte die Streichung aller Finanzierung durch den Freistaat Sachsen im Juni auf Null – eine beinahe absurde Situation. Nur durch unser zähes, langwieriges Ringen gemeinsam mit der Stadt Leipzig konnte die Entscheidung in buchstäblich letzter Sekunde rückgängig gemacht werden. Eine Zukunft des Festivals ist ohne den Freistaat Sachsen schier undenkbar.


Zum Programm: Belgien

Wo liegen die Wurzeln eines Landes, das erst seit 1830 im eigentlichen Sinn so genannt werden darf, als das Königreich Belgien entstand? Von Julius Caesar über ständige Fremdherrschaften besteht es heute aus den beiden Regionen Flandern (Sprache: flämisch) und Wallonien (Sprache: französisch), Brüssel ist offiziell zweisprachig. In einem Schmelztiegel der Interkulturalität zählt Belgien heute zu den führenden Gebieten zeitgenössischen Theaters – Grund genug, es nach zahlreichen Einzelgastspielen bei unseren vergangenen Festivals zu dem Schwerpunktland der euro-scene 2002 zu wählen.

Dazu gehören ein Wiedersehen mit Anne Teresa de Keersmaeker (nach »Rosas danst Rosas« 1992) und der Compagnie Victoria (die wir durch zwei Produktionen von Alain Platel kennen) mit »Club Astrid« von Lies Pauwels. Es gibt erste Begegnungen – längst überfällig! – mit Meg Stuart und »Alibi«, einem der wichtigsten Stücke der derzeitigen europäischen Theaterszene, und mit Frédéric Flamand, dem bekanntesten Choreografen der Wallonie, in Zusammenarbeit mit der irakischen Architektin Zaha Hadid. Die kleine, hier ganz unbekannte Compagnie eaRis rundet den Querschnitt mit fünf Stücken der belgischen Tanz- und Theaterlandschaft ab. Und schließlich wird auch Alain Platel wieder nach Leipzig kommen – mit einem Film und zu einem Gespräch.


Zum weiteren Programm

Wir holen das Gastspiel des Matarile Teatro aus Spanien nach, das im Jahr 2000 wegen Krankheit ausfallen musste. Weiterhin kommt die Gruppe Stan’s Cafe, die den Hit des Edinburgh-Festivals 2002 abgab – eine Vierminuten-Inszenierung für jeden einzelnen Zuschauer. Dazu das polnische Theatr Cinema mit seinen wortlosen melancholischen Traumszenen und der traditionelle Beitrag des Schauspiels Leipzig – das alles birgt auch Grenzüberschreitungen von Theater, Film, Tanz, Musik und modernen Medien. Und schließlich setzen wir die Tradition der eigenen Produktionen fort: Nach »Speicherung« (2000) und »FCP – training method for (anti)social behaviour« (2001) folgt »Tagwerk«, diesmal eine Koproduktion mit der Schaubühne Lindenfels. Die »Tanzplattform Deutschland« regte uns an zu einem Blick auf den Tanz in der eigenen Stadt und einer Ausschreibung von Choreografien. Keine fertigen Produktionen werden gezeigt, sondern Stationen, welche die Chance zur Weiterentwicklung erhalten sollen.


Und schließlich Dank

Ich danke allen, die das Festival möglich machten: der Stadt Leipzig – allen voran Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und Dr. Georg Girardet, Beigeordneter für Kultur –, dem Bund, der Allianz Kulturstiftung, der Sparkasse Leipzig, dem Hotel Holiday Inn, der Deutschen Lufthansa und den Stadtwerken Leipzig. Besonderer Dank gilt der BMW Group, München, die mit uns hinsichtlich Zaha Hadid – der Architektin des Verwaltungsgebäudes des BMW –Werkes in Leipzig – eine Partnerschaft einging. Ein herzliches Dankeschön auch an die weiteren Förderer, das Festivalteam und die Spielstätten.

Ich wünsche allen Zuschauern Muße, Anregungen, Besinnung und viel Freude bei unserem 12. Festival.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin und Künstlerische Leitung

Leipzig, 05.09.2002