11. Festival 2001

Konzeption


»Leibesvisitationen«

06. – 11. November 2001
(Prolog: 03. – 05. November 2001)


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Wieder einmal oder vielleicht zum ersten Mal liegt ein Programmheft der euro-scene Leipzig vor Ihnen. Herzlich willkommen. Vielen Dank für Ihre Visite (lat. visitatio – »Besichtigung«). Auch im elften Jahr dürfen Sie von der euro-scene professionelles, experimentelles Theater erwarten. Theater außerhalb der Spielplan-Norm. Provokant und poetisch, unerhört und ungesehen.

»Leibesvisitationen« heißt das Stichwort und meint Theater und Tanz, in dessen Mittelpunkt der Körper steht, verletzlich und kraftvoll, aggressiv und anrührend, virtuos eingesetzt und ins Bild gebracht. Ein Theater, das den vollen Einsatz der Tänzer, Schauspieler oder Performer fordert – bis zur Erschöpfung, körperlich und seelisch. Wie bei einer Leibesvisitation gibt es kein Als-ob, kein fake.

Dass wir Menschen sind, erfahren wir im Erleben unserer Leiblichkeit. Noch, möchte man sagen, angesichts unserer immer besseren Ausstattung mit technischen Instrumenten, einer immer besseren Anbindung an Maschinen. Wer flexibler, dynamischer, leistungsfähiger sein will, kommt nicht umhin, Auto, Handy und pc zu nutzen. Der Körper wird mit den verschiedensten Technologien und Informationssystemen vernetzt. Eine »Symbiose«, in der er zu verschwinden scheint. Und während wir diesem Prozess zuschauen können, als liefe die sonst Jahrmillionen währende Evolutionsgeschichte im Stundentakt vor unseren Augen ab, entwickeln wir ein spektakuläres Interesse am »Ursprünglichen« des Körpers, geradezu an seiner Fleischlichkeit. In den Metropolen der Welt versammeln sich die Menschen in Love Parades zu gigantischen Körperschauen. Die Titelkämpfe um die Boxweltmeisterschaft sind der Quotenbringer des Fernsehens, der Plastinator Gunther von Hagens präsentiert über Jahre seine Ausstellung »Körperwelten« und der Aktionskünstler Wolfgang Flatz hängt sich blutüberströmt an einen Kran.

Der Körper lässt uns nicht los, und er taugt faszinierend als Metapher. Wenn es um den Körper geht, dann ist das Individuum angesprochen und die Gemeinschaft, der soziale Organismus.

Genug der »Theorie«, das Festival soll ein Ort sein, an dem Künstler ihre Gedanken über unser Menschsein ins Spiel bringen. Wie Satelliten kreisen die Gastspiele um das Thema. Aber sie lassen sich nicht darauf reduzieren. In mehr oder weniger großer Distanz behaupten sie natürlich ihre eigene künstlerische Energie, sind reiches, lebendiges Theater. Und so erleben wir Virtuosität und Präzision in den Choreografien von Angelin Preljocaj, Verletzbarkeit des Fleisches bei »Rough Ride«, die Differenz zwischen Mensch und Maschine in »FCP – training method«, intellektuelle Sachlichkeit bei De Daders, animalische Energie im Theater von Ultima Vez, schließlich Sexualität und Obsession bei »pigg in hell«. Das Thema der Körpersprache taucht bei Jo Fabian auf, und fulminant mit dem Körper erzählte Geschichten erwarten Sie beim Oskaras Koršunovas Theater und bei Diquis Tiquis. Die Spanne reicht bis zu jenen Künstlern wie Franko B und Ron Athey, die den radikalen Eingriff in ihren eigenen Körper als Kunstwerk begreifen. Besonderes Theater aus einer besonderen Leiblichkeit, aus einem besonderen In-der-Welt-sein zeigen schließlich der Breakdancer Ernesto Cortès und die Spieler von RambaZamba. Eine Spanne, in dem Körper nicht nur auf der Bühne sind, sondern zum Thema werden, in den Kampf geworfen, riskiert, aufs Spiel gesetzt.

Mit dem 11. Festivaljahr begegnen Ihnen nicht nur zahlreiche Deutschlandpremieren und zwei Uraufführungen, die euro-scene begreift sich verstärkt als Produzent von Theater und als Kooperationspartner. Als Veranstalter internationaler Gastspiele sehen wir uns eingebunden in ein Netzwerk, als potentielles Bindeglied zwischen lokalen und internationalen Entwicklungen. So wurde bei der zweiten Eigenproduktion der euro-scene Leipzig, »FCP« in der Inszenierung von Takashi Iwaoka, bewusst die Form der Koproduktion gewählt. Während euro-scene Leipzig, TanzWerkstatt Berlin und Podewil Berlin finanzielle Ressourcen bereitstellen, bringt das LOFFT seine personellen und räumlichen Potentiale ein.

Auch die neueste Arbeit von Jo Fabian haben wir als Koproduzent begleitet. Sie wäre nicht entstanden ohne das gemeinsame Engagement von Festspielhaus Hellerau, Hebbel-Theater Berlin und euro-scene Leipzig. Die 24-Stunden-Ausstellung »body/check« verbindet zwei Veranstalter: das Theaterfestival und die GalerieRieRiemann. Aber sie verbindet auch internationale Gastspiele und die Beiträge Leipziger Künstler, Theater und Bildende Kunst, das Schauspielhaus und anarchische Ideen.

Am Ende möchte ich über den Anfang sprechen. Das Festival wird schon beginnen, bevor es eröffnet wird. Der »Prolog« am ersten November-Wochenende bietet Ihnen die Uraufführung der Eigenproduktion und ein wunderbares, zeit- und raumgreifendes Theaterspektakel aus Ungarn. Dem wollten wir Zeit und Raum geben, sich zu entfalten, deshalb zeigen wir beide Inszenierungen schon vor der offiziellen Festivaleröffnung am 06. November. Das ist eine Merkwürdigkeit, besser ein Trick. So können Sie beides genießen: die Inszenierungen und das Schauspiel der Eröffnung im Schauspielhaus.

Das Festival wäre nicht möglich ohne die Unterstützung der Förderer und Sponsoren, ohne die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Festivalbüro und ohne die vielen Anmerkungen und Hinweise aus den Gesprächen mit Künstlern und Kollegen. Dank geht daher an Ann-Elisabeth Wolff und die Mitglieder des künstlerischen Beirats, in gleichem Sinne an André Agterof, Heike Albrecht, Martina Bako, Ulrike Becker, Péter Máté, Nikki Milican, Maria Magdalena Schwaegermann, André Theriault und Thilo Wittenbecher.

Nicht weniger als 16 Inszenierungen und Festivalprojekte erwarten Sie auf den nächsten Seiten und vom 03. bis 11. November auf den Bühnen der Stadt. Lassen Sie die Bilder und Ideen auf sich wirken. Es sind Angebote. Nicht alle sind genießbar, aber keines wird, so hoffe ich, Sie unbeeindruckt lassen. Viel Vergnügen.


Michael Freundt
Künstlerische Leitung und Festivalprogramm 2001

Leipzig, 31.08.2001