10. Festival 2000

Hauptprogramm


Donnerstag 09. Nov. // 19.30 – 21.00 Uhr
Schauspielhaus

Socìetas Raffaello Sanzio, Bologna – Cesena


»Voyage au bout de la nuit«

(»Reise ans Ende der Nacht«)

Theatrales Konzert von Romeo Castellucci nach dem gleichnamigen Roman von Louis-Ferdinand Céline

Deutschlandpremiere



Musik und Inszenierung:

Romeo Castellucci

Film:

Cristiano Carloni, Stefano Franceschetti, Romeo Castellucci

Lichtdesign:

Fabio Sajiz

Darsteller:

Claudia Castellucci, Chiara Guidi, Monica Demuru, Giovanni Rossetti, Lele Biagi

In französischer Sprache.

Vor Beginn der Vorstellung findet eine öffentliche Einführung in das Stück statt.
Einführung: Michael Freundt, Leipzig

Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Publikumsgespräch statt.
Moderation: Michael Freundt, Leipzig



Auf einem großen Tisch häufen sich Dokumente, am Rand lauert eine seltsame Maschine. Die Bühne ist von angsteinflößender Kargheit. Langsam nähern sich die fünf Schauspieler dem Text, ihren Mündern entfahren die ersten Vokale, und die ersten Worte verzerren sich zu einer fremdartigen Musik. Ihre Stimmen vermischen sich mit Toncollagen und Bildern, die über große Leinwände jagen.

Impressionen aus den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts: Stadtleben, Weltkrieg, Hunger, Notschlachtungen. Ein totes Pferd und die großen Fabriken in der neuen Welt – Bilder, denen jetzt die Bühnenmaschinerie antwortet, mit rhythmischem Stampfen, wie Soldatenstiefel, als wäre die Fabrikarbeit eine Fortsetzung des Krieges. Wie ein nächtlicher Zug setzt sich das Stück in Bewegung, um mit stets heftiger gesteigertem Tempo davonzurasen.

Romeo Castellucci, 1960 in Cesena bei Bologna geboren, ist der künstlerische Leiter der von ihm 1981 gegründeten Socìetas Raffaello Sanzio – heute mit Abstand die radikalste Compagnie des italienischen Gegenwartstheaters. Er inszenierte den Roman von Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) – veröffentlicht 1932 und ein Meilenstein in der neuen Literatur. Castellucci wählte die französische Originalsprache, die eine Einheit mit Klang und Rhythmus bildet und zu einer Stimme im Konzert der Töne, Bilder und Maschinen wird.

Castellucci, der sich der Brisanz einer Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Autor durchaus bewusst ist, arbeitet hier sehr konzentriert an der Umsetzung des Textes, wesentlich weniger in Symbolen und Assoziationen schwelgend als in seinem »Giulio Cesare« (»Julius Caesar«), der die euro-scene Leipzig 1997 im Schauspielhaus eröffnete. Bei »Voyage au bout de la nuit« handelt es sich um ein Ausnahmestück, wie es packender, beklemmender und faszinierender kaum vorstellbar ist.


Uraufführung: 06.07.1999, Rom

Produktion: Socìetas Raffaello Sanzio / REF-Romaeuropa Festival '99

Das Gastspiel erfolgt mit freundlicher Unterstützung durch das Instituto Italiano di Cultura, Berlin.