10. Festival 2000

Konzeption


»Abschied und Aufbruch«

Theater und Tanz aus den neun Kulturhauptstädten Europas

03. – 11. November 2000


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


I. Zehn Jahre Festival – das bedeutet, Abschied zu nehmen von zehn Jahren Leben, dem europäischer Theaterentwicklung, des eigenen und dem der Stadt. Wir erinnern uns schlaglichtartig an die Nachwende-Euphorie beim ersten Festival 1991 und den tragischen Tod seines Gründers Matthias Renner im Oktober 1993, an die »Avantgarde«- Diskussionen der Anfangszeit und die zahlreichen Begegnungen, die das Festival initiierte. Während der zehn Jahre fanden 122 Gastspiele in 225 Vorstellungen statt.

Die Ausstrahlung der euro-scene Leipzig ist mittlerweile stark gewachsen, sie trägt den Namen Leipzigs nach ganz Europa – ihre finanzielle Absicherung jedoch verlangt eine von Jahr zu Jahr immer härte werdende »Knochenarbeit«. Trotz der Unterstützung, für die hier allen herzlich gedankt sei, hoffe ich auf das wachsende Einsehen aller Verantwortlichen, den Bestand des Festivals zukünftig noch stärker als bisher zu sichern.

II. Abschied gilt es auch zu nehmen von der Arbeit eines Künstlers, mit dem sich die euro-scene Leipzig besonders stark verbunden fühlt: Alain Platel. Er entzieht sich in seltener Konsequenz auf dem Höhepunkt des Erfolgs der »Vermarktung« seiner Kunst. Seit 1996 haben seine Gastspiele unser Festival begleitet. Nun wird sein letztes Stück »Allemaal Indiaan« unser Festival eröffnen und neben Leid und Gewalt noch einmal der Hoffnung auf Menschlichkeit berührend künstlerischen Ausdruck verleihen.

Von Alain Platel stammt auch die Konzeption unseres beliebten Wettbewerbs »Das beste deutsche Tanzsolo«, der in diesem Jahr unter neuer künstlerischer Leitung zum vierten Mal stattfinden wird.

III. Zehn Jahre Festival – das bedeutet aber auch den Aufbruch in neue Regionen: Aus den neun Kulturhauptstädten Europas 2000 wurden Inszenierungen – zum Teil als Deutschlandpremieren – eingeladen, die es unter dem Gesichtspunkt der Interkulturalität zu betrachten gilt. Dabei gibt es ein Wiedersehen mit den Socìetas Raffaello Sanzio, Bologna, und der Compagnie Mossoux & Bonté, Brüssel. Unsere erste Eigenproduktion »Speicherung« mit drei Leipziger Regisseuren widmet sich dem Thema der Utopie und versteht sich auch als Bekenntnis zu der freien Szene der eigenen Stadt.

IV. Und der Aufbruch erfolgt vor allem hin zu neuen Ufern: Die euro-scene Leipzig wird die nächste Tanzplattform Deutschland, das bedeutendste Tanzfestival der Bundesrepublik, für Februar 2002 ausrichten. Dies ist für mich nur möglich in der äußerst glücklichen Konstellation mit meinem Kollegen Michael Freundt, der die künstlerische Leitung der 11. euro-scene Leipzig 2001 übernehmen und dem Festival gewiss neue Impulse verleihen wird.

Ihm haben wir auch das wunderbare Buch »Neugier und Leidenschaft« zu verdanken, das anlässlich unseres Jubiläums erschienen ist und in dem es heißt: »Das Festival soll ein Rausch sein«. Ich hoffe, dass dieser Rausch alle ergreifen und sich unser Jubiläum als anregendes, fröhliches Fest gestalten möge, nicht als Ruhepunkt, sondern als spannende Station auf der Reise zu den kommenden Ereignissen …


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin