09. Festival 1999

Konzeption


»Das neue Jahrtausend im Blick«

02. – 07. November 1999


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding


»Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,
daß ich zur Welt sie einzurichten kam!«

      William Shakespeare »Hamlet«


»Zeit ist der Horizont des Seins.«

      Martin Heidegger


»Nicht die Zeit, aber der Augenblick als dasjenige
in der Zeit, was nicht zu ihr gehört, kommuniziert mit
der Ewigkeit, in der die vollkommene Freude einzig ihr Maß hat.«

      Ernst Bloch


»Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so
hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf
einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns
herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern
rieselt sie, im Spiegel, da rieselt sie, in meinen
Schläfen fließt sie. Und zwischen dir und mir, da
fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr. Manchmal
steh' ich auf mitten in der Nacht und lass' die Uhren
alle, alle stehn ... «

      Hugo von Hofmannsthal »Der Rosenkavalier«


I. Die 9. euro-scene Leipzig – eine Atempause vor dem Jubiläum im Jahr 2000? Ganz im Gegenteil! Das Jahrtausend rast seinem Ende entgegen, und die Gedanken kreisen stärker als sonst um das Dasein und den Lauf der Zeit. Die Utopien, die sich immer mit dem 21. Jahrhundert verbunden haben, werden unbrauchbar, und wir werden uns gewiss nicht plötzlich verändern. Doch neue Visionen entstehen, und Theater ist immer einer der Orte, wo sie das Licht der Welt erblicken.

Dieses Festivalprogramm wurde unter der Last, aber auch der Lust des hohen Anspruchs geboren, den dieses Millennium-Jahr mit sich bringt: Ein brillant-wortloser »Faust«, zwei Edelsteine großen europäischen Theaters, drei Schwerpunktthemen (Oscar Wildes »Salomé«, Lyon als Leipzigs Partnerstadt und Theater im »Live Art«-Stil), erstmals ein Prolog, zum 3. Mal der Wettbewerb »Das beste deutsche Tanzsolo«, ein umfangreiches Rahmenprogramm, insgesamt sieben Deutschlandpremieren, 15 verschiedene Produktionen, 30 Vorstellungen – von Atempause also keine Rede.

II. Theaterzeit: Es gibt Stücke, die kommen schon alt auf die Bühne (die laden wir natürlich nicht ein), und es gibt andere, die versprühen heutiges Zeitempfinden trotz ihrer Jahre (die laden wir ein). Gleich zwei des letzteren gibt's als Eröffnung und Abschluss: eine überwältigende »Phaedra« des rumänischen Regisseurs Silviu Purcarete und »May B« von Maguy Marin aus Lyon, eine der meistgespielten Tanzproduktionen Europas.

Lebenszeit – Bühnenzeit: Die junge Generation spielt sich selbst in einer verrückten, sehnsuchtsvollen, hektischen und absurden Welt – »Live Art«, bei der Bühne und Leben eins sind. Oscar Wilde wahrt in seinem schwül-erotischen Drama die klassische Einheit von Zeit und Ort, im Gegenteil dazu: »Faust« durcheilt in 75 Minuten Spieldauer ein ganzes Leben.

III. Die euro-scene Leipzig, inzwischen eines der bedeutendsten Avantgarde-Theaterfestivals Europas, steckt bereits mittendrin in den Vorbereitungen des Jubiläums 2000. Unser winzig kleines Team wird sich dafür hoffentlich die Kraft bewahren: emsig dabei schon seit langem Beate Fischer und Helga Müller, seit etwa einem Jahr durch die wunderbare künstlerische Mitarbeit von Michael Freundt und die einfühlsame technische Beratung von Bernd Gengelbach beglückend bereichert.

Ich danke herzlich allen, die diese euro-scene ermöglichen und wünsche unseren Zuschauern ein tolles Festival.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin