08. Festival 1998

Konzeption


»Vision Europa – dem Fremden eine Tür«

10. – 15. November 1998


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Am Sockel rütteln

I. Je weniger Theater gespielt wird, desto höher steigt der Krankenstand. Die heilende Wirkung des Theaters ist seit der Antike bekannt. In der berühmten griechischen Heilstätte Epidauros – aus einem Kult zu Ehren des Gottes Asklepios (Aesculap) hervorgegangen – bauten die Priester ein Theater, in das sich bis 14 000 Zuschauer pro Aufführung drängten. In diesem heute besterhaltenen griechischen Theater der Welt war, wie auch in Korinth, die darstellende Kunst als therapeutische Maßnahme eine Selbstverständlichkeit. Allen heutigen Politikern sei eine Bildungsreise nach Griechenland empfohlen...

II. Im Jahr 1685 wird in Eisenach ein Junge geboren, der selbst nie über die Grenzen Deutschlands hinauskam, dessen Musik jedoch wahrhaft Völker verbindenden Charakter besitzt: Johann Sebastian Bach. In Leipzig lebte und wirkte er von 1723 bis zu seinem Tod 1750. Viel gespielt und bewundert wird seine Musik überall, aber liebt man sie wirklich? Allzu erstarrt scheint die Verehrung, und es gilt, an dem Sockel zu rütteln, um hinter der »Göttlichkeit« den Menschen Bach wieder zu finden, der uns erstaunlich viel zu sagen hat.

Die euro-scene Leipzig setzt in diesem Jahr, neben originellen Sprechtheater-Werken, den Schwerpunkt Bach – ausgehend von dem neuen Stück des Flamen Alain Platel. Erstmals tritt das Festival dabei als Koproduzent auf und stellt die Stadt Leipzig in eine Reihe solch bedeutender Partner wie die EXPO 1998 in Lissabon und das Pariser Théâtre de la Ville.

Bach hat nie für die Bühne komponiert, übt jedoch auf Choreografen weltweit einen großen Reiz aus. Die Deutschen tun sich deutlich schwer damit, in anderen Ländern nähert man sich seiner Musik unverkrampfter. Vaslav Nijinski, der wohl berühmteste Tänzer unseres Jahrhunderts, plante 1913 eine Choreografie nach Klaviermusik von Bach. Dies wäre das erste Bach-Ballett der Geschichte gewesen – das nie ausgeführt wurde. Nijinskis Notizen jedoch waren der Anfang aller szenischen Annäherung an Bach.

III. Die euro-scene Leipzig sieht ihr Ziel nicht in spektakulären »Events« und einer Schaufenster-Ästhetik hoch-katapultierter »Shooting-Stars«. Sie versucht, wahrhaft(ig)e Perlen der Theater- und Tanzavantgarde Europas aufzuspüren. Es zählen Qualität, eine starke individuelle Handschrift, ästhetisches Risiko und wache Augen für unser Zeitgeschehen. Es gibt Momente, in denen ein einziger Mensch auf der Bühne mehr zu sagen hat als alle theatralischen Großereignisse der Welt – danach lohnt es sich zu suchen.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin