07. Festival 1997

Hauptprogramm


Freitag 14. Nov. // 19.30 – 21.15 Uhr
Schauspielhaus

Akademisches Theater Litauen, Vilnius


»The old woman«

(»Die Alte«)

Stück nach Daniil Charms und Alexander Wedenski

Deutschlandpremiere der Version II



Inszenierung:

Oskaras Koršunovas

Bühnenbild:

Zilvinas Kempinas

Kostüme:

Juozas Statkevicius

Musik:

Gintaras Sodeika

Darsteller:

Remigijus Bilinskas, Vaidotas Martinaitis, Eglė Mikulionytė, Sarūnas Puidokas, Arūnas Sakalauskas

In litauischer Sprache (Die deutsche Textfassung ist mit dem Kartenvorverkauf und an der Abendkasse kostenlos erhältlich.)



»Ich schaue mich noch einmal in meinem Zimmer um und sehe in meinem Sessel am Fenster jemanden sitzen ... Mein Gott! Das ist doch nicht etwa die Alte ... Ja, natürlich, da sitzt sie und hat den Kopf auf die Brust sinken lassen. Sie muss eingeschlafen sein ... Die Alte rührt sich nicht. Ihr Mund steht halb offen, und aus dem Munde ragt, herausgerutscht, ein stählernes Gebiss. Und plötzlich wird mir alles klar: die Alte ist tot« (Daniil Charms).

»Die alte Frau« von Daniil Charms ist eine Mischung aus absurder Novelle und Kriminalroman. Charms wurde 1905 in St. Petersburg geboren und gilt als russischer Kafka und Klassiker modernen schwarzen Humors. Er war 1927 Mitbegründer des »Oberiu«, einer linksgerichteten Avantgarde-Bestrebung mit dem Ziel, Grundprinzipien der russischen Kunst zu verändern Die sowjetische Partei verbot 1932 die dem Dadaismus verwandte Vereinigung. Charms starb 1942 in Haft während der Blockade Leningrads.

Oskaras Koršunovas, 1969 in Vilnius geboren, ist seit langem von Daniil Charms fasziniert: »Mit Tränen in den Augen lacht Charms über die Welt und sich selbst. Charms ist unwahrscheinlich aufrichtig ... Ich gehöre einer Generation an, die den Zusammenbruch der Ideologien miterlebt hat. Heute, da keine Wahrheit mehr existiert, ist Charms eine Art Bruder für uns.« Koršunovas widmete dem »Oberiu« eine Trilogie, die auch »Die Alte« (nach Erzählungen und Tagebüchern von Charms sowie dem Stück »Konversation oder Streithammel« von Alexander Wedenski) umfasst.

Koršunovas studierte am Nationalen Konservatorium in Vilnius, inszeniert seit 1990 am Akademischen Staatstheater Litauen und gehört zu den wichtigsten jungen Regisseuren Osteuropas. Seine Stücke waren in zahlreichen Städten wie Kopenhagen, Wien, Nancy, Moskau und Berlin zu sehen und erhielten Preise auf internationalen Festivals, so in Edinburgh, Torun und St. Petersburg. Als bisherige Krönung folgte für Juli 1997 die Einladung von zwei Stücken (darunter auch »Die Alte«) zum Festival nach Avignon.


»›Die Alte‹ ist ein einzigartiges Wunder mit ganz unerwartetem Ideengehalt und eine Inszenierung voller Humor. Die Existenzangst und die Angst vor der Welt, in der wir leben, sind die entscheidenden Themen von Charms und dieses Stücks, in dem die Absurdität der Existenz und die Wahrnehmung einer mystischen, etwas gewöhnlichen Realität ihren Höhepunkt erreichen. Alles trägt dazu bei: das zweifarbige Bühnenbild, die Präsenz des Mondes, der Sarg ...« (Llona Martson, Pühapäevaleht, Festival Balto-Scandal, Parnu, 1995).


Uraufführung: 07.12.1994, Vilnius