06. Festival 1996

Hauptprogramm


Freitag 22. Nov. // 19.30 – 20.45 Uhr
Haus Dreilinden (Musikalische Komödie)

S.O.A.P. Dance Theatre, Frankfurt/Main


»Glass … short stories of fools«

(»Glas … Kurzgeschichten von Toren«)

Tanzstück von Rui Horta



Choreografie und Bühnenbild:

Rui Horta

Musik:

Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel, Franz Schubert, Henry Purcell

Texte:

Rui Horta, Anaϊs Nin

Kostüme:

Kathy Brunner

Lichtdesign:

Rui Horta, Oliver Heyde

Tänzer:

Delphine Benois, Annette Kaltenmark, Desirée Kongerød, Laura Marini, Dietmar Janeck, Abou Lagraa, Peter Mika, Anton Skrzypiciel

Die Musik wird eingespielt.

Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Publikumsgespräch statt.
Moderation: Walter Heun, Produzent Joint Adventures, München



Weihnachtsmänner und -frauen flirten mit dem Publikum und verteilen Süßigkeiten. Ein kitschiger roter Samtvorhang teilt die Szene, Rot ist auch die Farbe der Kostüme und Lippenstifte, Handschuhe und Clownsnase. Schmalzig erklingt Barockmusik, in die sich allmählich unheimliche Klänge und Geräusche mischen. Langsam zeigt das Rot eine andere Natur und assoziiert Macht, Gewalt, Lust und Blut.

Rauschende Gefühle, Verlangen und Leidenschaft, beinahe schon orgiastisch zu nennende Tanzszenen wechseln ab mit den seltsam schneidenden, kalten Tönen, die auf Gläsern erzeugt werden. Das Tropfen in ein Glas, das mit Blut gefüllt zu sein scheint, begleitet die pathetischen Tänze voller Erotik, die etwas von der Lächerlichkeit des Verliebtseins preiszugeben scheinen. Slapstick-Szenen als Parodie billiger Unterhaltung werden von grausamen Texten kontrastiert, und die feinen Gläser bekommen etwas seltsam Bedrohliches: eine Lizenz zum Verletzen.

Das Stück quillt geradezu über von Ideen und szenischen Einfällen Rui Hortas. Es hebt sich in seiner Huldigung an die Leidenschaft und den Tanz ästhetisch ab von einer gewissen Strenge der vorigen Choreografien, wie zum Beispiel »Object constant«. Sahen sich einige Kritiker durch die barocke Fülle und den »Unterhaltungswert« auch verunsichert, bejubelte das Publikum in aller Welt jedoch die Gelöstheit und den Charme der sonst doch recht kopflastigen modernen Choreografien deutscher Herkunft.

Rui Horta wurde in Portugal geboren, studierte und tanzte mehrere Jahre lang in den USA, leitete dann in Lissabon das Tanztheater und später eine eigene Compagnie. Als 1991 am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt/Main eine Tanzcompagnie gegründet wurde, übernahm er deren Leitung. Der Name S.O.A.P. bezieht sich augenzwinkernd auf die Seifenprodukte der Firma Mouson, die zuvor in dem Gebäude beheimatet war. S.O.A.P. ist seit fünf Jahren die bekannteste und erfolgreichste freie Tanzcompagnie Deutschlands. Sie bereiste inzwischen ganz Europa, Kanada, Russland, Litauen, Lettland und Südamerika.

»Glass ... short stories of fools« (»Glas ... Kurzgeschichten von Toren«) ist die fünfte abendfüllende Choreografie Rui Hortas für S.O.A.P. 1992 wurde Horta mit dem Grand Prix der »Rencontres Choréographiques Internationales de BagnoIet/Seine Saint-Denis« und dem Bonnie Bird »New Choreography Award« des Laban Centre, London, ausgezeichnet.


Produktion: Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt/Main (Premiere 1995)