06. Festival 1996

Konzeption


»Vision Europa – dem Fremden eine Tür«

19. – 24. November 1996


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Die euro-scene Leipzig umgeht absichtsvoll die gepflegten Parkwege konventionellen Theaters. Das Festival sucht vielmehr im dornenvollen Gestrüpp versteckter Seitenpfade nach Künstlern, die mit starker Individualität stilistisch neue Wege beschreiten und sich widerborstig mit den Befindlichkeiten unserer Zeit auseinandersetzen.

Belgien ist derzeit eines der führenden Länder des avantgardistischen Theaters, man spricht von einer »Nouvelle vague flamande«. Die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker war mit »Rosas tanzt Rosas« schon 1992 Gast der euro-scene Leipzig. Nun werden in diesem Jahr die beiden äußerst unterschiedlichen Regisseure Jan Fabre und Alain Platel aus Flandern erstmals in Ostdeutschland vorgestellt.

Alain Platel schafft Stücke von großer stilistischer Vielfalt und anrührender Menschlichkeit. Wunderbar gelöst und schlicht vermittelt er trotz depressiver Zeitbezüge auch wieder eine Hoffnung auf die Zukunft. Während Platel glutvoll die »Anmut der Straße« verkörpert, fordert Jan Fabre, einer der weltweit bedeutendsten Avantgarde-Regisseure, durch das Glimmen hinter einer unterkühlten »Kunstwelt« heraus. Mit ihm gastiert der Schauspielstar Hannelore Elsner in Leipzig. Ihre Zusammenarbeit mit Fabre ist Tom Stromberg, dem ehemaligen Intendanten des TAT (Theater am Turm) zu danken, das inzwischen einer katastrophalen Sparmaßnahme der Stadt Frankfurt/Main zum Opfer fiel.

Dem Thema »Nacht« widmen sich drei Festivalbeiträge aus Montpellier, Amsterdam und Lugano, die in Stimmung und Genre sehr unterschiedlich sind. Die intensive Suche nach einem ernsten, modernen Musical hatte in Kopenhagen, der Kulturhauptstadt Europas 1996, Erfolg. Osteuropa wird von zwei sehr eindrucksvollen Produktionen aus Budapest und Poznań vertreten. Und neben dem erfrischenden Orphtheater aus Ostberlin gastiert mit S.O.A.P. die bekannteste freie deutsche Tanzcompagnie erstmals in den neuen Bundesländern. Das Schauspiel Leipzig ist in einer ungewöhnlichen Spielstätte mit dabei.

Die Neuigkeiten über das Programm hinaus: Erweiterung des Rahmenprogramms, erstmals das Angebot eines Abonnements und einer Abschlussparty sowie ein zentral gelegener Festivalclub in der Neuen Szene. Ich danke neben den öffentlichen Geldgebern und den Sponsoren herzlich auch dem Schauspiel Leipzig und der Oper Leipzig für die freundliche Unterstützung.

Das Anliegen unseres Festivals, aufregendes internationales Theater nach Leipzig zu holen, entspricht der Weltoffenheit dieser Stadt mit ihrer Universität, Messe und großen Kulturtradition in der Mitte Europas. Und so wünsche ich allen Zuschauern spannende Erlebnisse und viel Freude bei der euro-scene Leipzig 1996.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin