03. Festival 1993

Hauptprogramm


Donnerstag 18. Nov. // 19.30 – 21.00 Uhr
Freitag 19. Nov. // 17.00 – 18.30 Uhr und 22.00 – 23.30 Uhr
Neue Szene

Städtische Bühnen Freiburg


»Ester«

Choreografisches Theater von Pavel Mikuláštik



Regie und Choreografie:

Pavel Mikuláštik

Musik:

Muneer Abdul Fataah, Martin Hug, Arvo Pärt, Sergej Prokofjew

Bühnenbild:

Cary Gayler

Kostüme:

Maja Scholl-Lemck

Darsteller:

Vladimir Kloubek (Artaxerxes, König von Persien), Ingrid Braun-Badie Massud (Waschti, seine Frau), Jiri Sova/Petr Stopka (Bigtan, königlicher Kämmerer), Martina Kuchler/Sirpa Arvola (Teresch, königlicher Kämmerer), Jan Sturmius Becker (Haman, Minister), Juliane Hollerbach (Seresch, seine Frau), Luc Vercruysse/Karel Vanek (Mordechai, hoher jüdischer Beamter, Onkel und Vormund Esters), Eva Cerna/Rafaele Giovanola (Ester, Vollwaise und Cousine Mordechais), Christian Bronder (Batlen, Erzähler)

Musiker:

Trevor Coleman (Keyboards), Muneer Abdul Fataah (Violoncello), Martin Hug (Schlagzeug)



In einem Blutbad plant Haman, ein Minister am persischen Königshof, alle im Land lebenden Juden zu vernichten. Der Perserkönig Artaxerxes begehrt die schöne Jüdin Ester, ohne dass er ihre Herkunft kennt. Das Mädchen gibt sich ihm hin in dem Moment, in dem sie von der bevorstehenden Vernichtung ihres Volkes erfährt. Sie nutzt ihre neue Position dazu, das Massaker zu verhindern. Jetzt werden die Opfer zu Tätern, und nicht Liebe, sondern Rache beherrscht das weitere Geschehen.

Diese Geschichte aus dem Alten Testament, in den Jahren 300 bis 100 v. Chr. entstanden, diente als Grundlage für dieses Kriminalstück, dessen Bedeutung in der kunstvollen Verwebung von drei verschiedenen Zeitebenen und der ungeheuren Aktualität des Stoffes liegt.

Ein Fahrstuhl und die unheimlichen Geräusche eines Zuges verbinden einen abgeschlossenen Raum mit der Außenwelt. Hier führen neun Leute in Kostümen der 40er Jahre das Stück über Ester auf. Königspurpur und anmutige Weiblichkeit, Emigrantenschicksal und höfisches Narrentreiben vermischen sich im genreübergreifenden Wechsel von Schauspiel, Tanz, vorgeblicher Improvisation und Musik.

Kein anderer Choreograf des deutschen Tanztheaters als Pavel Mikuláštik vermochte in letzter Zeit derart überzeugend, Fragen der Ausgrenzung und Verfolgung aufzugreifen. Dass diese atemberaubende Inszenierung ausgerechnet im idyllischen Freiburg entstand, mutet fast wie ein Widerspruch an und beweist, dass bedeutendes Theater auch außerhalb der Theatermetropolen zu finden sein kann.

Mikuláštik studierte am Konservatorium in Prag und war Tänzer an der Komischen Oper Berlin bei Tom Schilling, später in Graz und Wien, bei Hans Kresnik in Bremen und bei Gerhard Bohner in Darmstadt. Seit 1976 folgten freie Arbeiten als Opern- und Schauspielregisseur. 1990 übernahm er die Leitung des Choreografischen Theaters am Freiburger Theater.

Die verschiedenen Ebenen des Stück finden ihre Zuordnung auch durch die Musik: Die live ausgeführten Kompositionen des Amerikaners Muneer Abdul Fataah und des Schweizers Martin Hug, zu denen als Musiker noch Trevor Coleman aus Neuseeland hinzukommt, und die eingespielte Musik von Arvo Pärt, des bedeutendsten estnischen Gegenwartskomponisten, zur Charakterisierung der Persönlichkeit Esters.


»Pavel Mikuláštik und seine exzellente Freiburger Tänzerschar steuern eine ganz eigene Farbe zur Palette unserer Bühnenlandschaft bei: so kraftvoll und prall und vital fabuliert heute kein anderer Tanztheaterautor weit und breit. ›Ester‹: Das ist die Bibel, neu erzählt von einem Meister des Tanzes« (Stuttgarter Zeitung, 20.11.1992).


»›Ester‹ basiert auf dem Alten Testament, und dennoch ist es ein hochaktuelles Stück … Polemik, einseitige Schuldzuweisungen wären hier leicht zu veranstalten. Doch herrschen in dem Tanzstück keine geradlinigen, holzschnitthaften Figuren vor, die der Zuschauer mit Etiketten wie ›gut‹ oder ›böse‹ bekleben könnte. Im Gegenteil, die Personen sind höchst differenzierte Charaktere, psychisch zum Teil gebrochene Menschen, die im Laufe des Stück auch Veränderungen, Entwicklungen durchmachen – von den Freiburger Tänzern, die Elemente des Tanzes und des Schauspiels verknüpfen, ganz hervorragend zur Darstellung gebracht« (Südkurier, Konstanz, 06.11.1992).


Das Gastspiel erfolgt im Rahmen des Nationalen Performance Netzes mit freundlicher Unterstützung durch Digital Equipment – das NPN wird betreut von Joint Adventures, München.