02. Festival 1992

Hauptprogramm


Mittwoch 18. Nov. // 19.00 Uhr
Schauspielhaus

Festivaleröffnung

Théâtre Jel, Orléans – Budapest


»Comedia tempio«
(»Tempelkomödie«)

Bewegungstheater von Josef Nadj

Deutschlandpremiere



Inszenierung und Choreografie:

Josef Nadj

Musik:

Stevan Kovac Tickmayer

Bühnenbild:

Goury

Kostüme:

Catherine Rigault

Licht:

Rémi Nicolas

Tänzer:

Denes Dobrei, Laszlo Hudi, Peter Lengyel, Istvàn Meszaros, Jozsef Nagy, Kathleen Reynolds, Laszlo Rokas, Jozsef Sarvari, Gyork Szakonyi, Cécile Thieblemont

Musiker:

Stevan Kovac Tickmayer (Klavier, Kontrabass), Laura Levai-Aksin (Flöte), Branislav Aksin (Posaune), Dusàn Sevarlic (Viola), Milan Vrsajkov (Violoncello)



Perfekte Körperbeherrschung zeichnet diese von dem Ungarn und Jugoslawen Josef Nadj geleitete, renommierte Theatertruppe aus. Die überreiche, szenische Phantasie der Künstler ist in strenge, scharf konturierte Bewegungsformen gegossen. Der souverän kalkulierte Rhythmus der sich überlagernden Episoden schafft Überschaubarkeit in einer surrealen Welt. Sprache wird durch fremdartige szenische Erfindung unnötig.

Auch der Spielort ist in ständiger Aktion. Wände verschwinden und geben neue Räume frei. Klappen und Luken öffnen sich. Die Frauen in ärmlichen, abgelegten Gehröcken oder in schön verzierten, reichen Kleidern kleben wie Nachtfalter an den Wänden. Die Männer in strengem Schwarz-Weiß balancieren auf halsbrecherischen Stuhltürmen oder wippen sich auf Balken in hochgelegene Maueröffnungen. Ein Zwerg konstruiert emsig aus allem Verfügbaren eine Brücke, um sich seinen Weg zur geliebten Zwergin zu bahnen. Die gekonnt genutzte Artistik amüsiert und dient dem künstlerischen Zweck.

Überraschend und traumhaft wechseln die Erfahrungsebenen. Poesie der Armut und des Ausgestoßenseins schlägt um fast in eine Satire über wohlhabende und regulierte Geborgenheit. Schließlich dringt das Spiel zu tiefen Schichten des Daseins vor und verwickelt den Zuschauer in die Geheimnisse der menschlichen Psyche. Die Ablagerungen einer uralten Kultur des Balkans verschmelzen mit modernem Alltagsleben.

Grundlage für die Inszenierung bildet das literarische Werk des jung verstorbenen, ungarischen Schriftstellers Géza Csath (1888-1919), der während seines Schaffens mit Opium experimentierte. »Es bestand für mich die Notwendigkeit, ein Projekt zu Ende zu führen, für das Csath sein Leben gegeben hätte«, kommentiert Josef Nadj seine Inszenierung.

Josef Nadj studierte Kunstgeschichte in Budapest und lebt seit 1980 in Paris. Er wirkte in verschiedenen Tanztruppen. 1986 gründete er seine eigene Compagnie, die in Paris und Orléans arbeitet und außerordentlich erfolgreich in Europa, den USA, Israel und Australien auftritt.


»Die von Josef Nadj verzauberte Szene setzt in Erstaunen und lässt den Zuschauer die Seele seiner Kindheit wieder finden … Das ist eine Aufführung, die total aus dem gewohnten Rahmen fällt und uns gleichzeitig einen erquickenden Windstoß frischer Luft bringt« (Le Figaro, Paris, 13.12.1990).