01. Festival 1991

Konzeption


Theaterfestival europäischer Avantgarde

14. – 17. November 1991


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Avantgarde – »muss das sein?!«

avant-garde/avã’gard/ f 1. Vortrab m, Vorhut f; fig. Spitze f; Wachtschiff n; 2. fig. Vorkämpfer m/pl. (Langenscheidts Großes Schulwörterbuch,1976 Berlin, München)


Wie leicht klappern die Mühlen der Routine leer, ohne etwas zu bewegen außer rostigen Rädern nach nirgendwohin. Der Ruf nach Kontinuität, Beständigkeit, nach dem Gewohnten setzt sich der Forderung nach Erneuerung und Wandel entgegen, zwingt zur Entscheidung, zur genialen Lösung oder zum Kompromiss. Auch Theater hat sein Schlachtfeld von Traditionalismus und Neuerertum. Die Avantgarde behauptet in kühner Einseitigkeit einen Abschnitt der Front. Avantgarde auf dem Theater ist Fortschritt, Fortschreiten, Bewegung, Aufbegehren gegen abgenutzte Tradition, Gründung auf Vergessenem, Verdrängtem, Abgehaktem in Geistesgeschichte und Kunstentwicklung. Avantgarde sucht und erforscht das Unbekannte oder nicht mehr Gekannte, testet neue Formen und zerschlägt alte. Sie ist unverschämt, radikal im Anspruch, ruppig gegenüber Traditionalisten, gelegentlich empfindsam sich selbst gegenüber.

Avantgarde ist immer individuell. Das vehemente Bekenntnis zur eigenen künstlerischen Subjektivität rebelliert gegen den Alltag und provoziert und verstört dort, wo Zufriedenheit mit dem Gegebenen herrscht, wo Furcht, das eigene Leben nicht meistern zu können, beklemmt oder wo Resignation das Dasein grau anstreicht. Avantgarde setzt auf ein Publikum, das sich zu seiner Individualität bekennt. Sie liebt den Zuschauer, der sich anhand des Gesehenen und Gehörten selbst befragt, sein Empfinden, sein Leben, seinen Erinnerungs- und Bilderschatz durchstöbert.

Vielleicht fühlen Sie sich manchmal hilflos oder alleingelassen vor dem ungewohnten, künstlerischen Zugriff. Die Frage: »Was hat sich der Künstler dabei gedacht?« ist häufig unfruchtbar. Oft entzieht sich der Künstler, so befragt, durch Eulenspiegelei. Er hat sich geäußert durch seine Kunst. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl und genießen Sie die fremde Schönheit, die Intensität konzentrierten Lebens, den geistigen und emotionalen Reichtum des einmaligen Individuums, Ihre und des Künstlers Phantasie und den Schuss Chaos, der sich Ihnen mitteilt.


Matthias Renner
Festivaldirektor

Ann-Elisabeth Wolff
Künstlerische Mitarbeit