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»Neugier und Leidenschaft«


Editorial


Eine Bilder-Reise durch Europa

Dieses Buch führt Sie in die Welt des europäischen Theaters und zu einem der eigenwilligsten Festivals Europas: zur euro-scene Leipzig.

Lesen und blättern Sie sich durch zehn Jahre Theater, durch Sprachen und Bilder am Ende des 20. Jahrhunderts. Die 90er Jahre waren nicht nur in der Politik, sondern auch in den Künsten eine Zeit rasanter Veränderungen. Stand am Anfang der Dekade die politische Wende in Mittel- und Osteuropa, steht an ihrem Ende die Auflösung der Ländergrenzen durch die internationalen Märkte, durch das Internet, stehen Globalisierung und Interkulturalität. Auch die großen Theaterfestivals, die in den 70er und 80er Jahren entstanden, haben ihr Gesicht gewandelt, an Größe und Gestalt gewonnen. Ihre Aufgabe, Theater- und Tanzinszenierungen über kulturelle Grenzen hinweg vorzustellen und auszutauschen, haben sie ausführlichst und manchmal bis zum Überdruss betrieben.

Am Beispiel der euro-scene Leipzig werden diese Wandlungen erlebbar. Als engagierte Ostgründung entwickelte sie sich zur vielbeachteten Drehscheibe im Ost-West-Theaterbetrieb. In ihr lebten die experimentellen Impulse der westlichen Avantgarde der 70er und 80er Jahre noch einmal auf, hier stellte sich die junge Theateravantgarde aus Osteuropa vor. Sozialkritische und formale Experimente standen neben großen, repräsentativen Abenden. Aber nie wurde schlicht übernommen, was ohnehin im internationalen »Festival-Zirkus« kursierte. Und die euro-scene hat mit diesem Programm Erfolg gehabt – im Jahr 2000 begeht sie ihr 10. Jubiläum.

Dieses Buch beschreibt Künstler, Compagnien und Festivals im Wandel. Vorgestellt werden die künstlerischen Wegbegleiter des Festivals. Interviews und Portraits mit berühmten Choreographen und Regisseuren führen zum belgischen Regisseur Alain Platel und Les Ballets C. de la B., zur französischen Starchoreographin Maguy Marin, zu dem Italiener Romeo Castellucci und seiner Socìetas Raffaello Sanzio und zum Theater des Jo Fabian in Berlin.

In einem weiten Bogen werden die Theateravantgardisten der 90er Jahre vorgestellt, so Jan Fabre, Anne Teresa de Keersmaeker, das Teatr Ósmego Dnia und Silviu Purcarete. Gestreift werden die Kristallisationspunkte dieses Theaterjahrzehnts: die Sprache des Körpers, die Kopplung des Theaters mit Video und bildender Kunst, die hochgradig formale Stilisierung des Bildertheaters bis hin zum sozialkritischen, veristischen Theater. In ganz persönlichen Impressionen des euro-scene-Mitbegründers Michael Kulow und der heutigen Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff gelingt der Blick hinter die Kulissen des Festivals. Kollegen aus dem In- und Ausland schildern ihre Sicht auf Leidenschaft und Maschinerie des »Festivalgeschäfts« und auf das zeitgenössische Theater: Nele Hertling berichtet über die Arbeit des Hebbel-Theaters Berlin. Tom Stromberg, verantwortlich für das Kultur- und Ereignisprogramm der EXPO 2000 und designierter Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, fordert Uraufführungen und Neuproduktionen für Festivals. Renate Klett, die mehrmals »Theater der Welt« organisierte, antwortet indirekt dem »Theatermanager«: Mit Reisen, Leidenschaft und Herzblut – so macht man ein Festival. Mit Klemens Wannenmacher, der für Theater, Tanz und Musik in Rotterdam, Europas Kulturhauptstadt 2001, sorgen wird, entstanden Gedanken über die internationalen Netzwerke, in denen die alternativen Theatermacher arbeiten. Und nüchtern analysiert Martin Roeder-Zerndt, Geschäftsführer des deutschen ITI-Zentrums, die zyklischen Erstarrungen und das Aufbrechen dieser Netzwerke.

Abgerundet wird dieser weite Bogen durch Beiträge, die den Blick wieder auf die Geschichte der euro-scene lenken: so eine Analyse des Nachwende-Theaters in Leipzig, ein Gespräch mit dem Kulturpolitiker Dr. Georg Girardet, Erinnerungen des Leipziger Journalisten Michael Hametner, ein schräger Einwurf des Sprachkünstlers Wolfgang Krause Zwieback und schließlich ein Gespräch über die Perspektiven dieses wunderbaren Festivals.

Im unteren Teil dieses Buches ziehen an Ihnen – gleichsam in einer fotografischen Zeitschleife – jene weit über hundert Theater- und Tanzcompagnien in Wort und Bild vorbei, die aus ganz Europa zum Festival kamen. Die Neugier auf das Theater in Europa kann nur im Theater, in den Gastspielen und Begegnungen gestillt werden. Wecken – so hoffen wir – soll sie immer wieder dieses Buch.


Ann-Elisabeth Wolff
Michael Freundt
Leipzig, Juli 2000