04. Festival 1994

Hauptprogramm


Mittwoch 23. Nov. // 19.30 – 20.45 Uhr
Schauspielhaus

Festivaleröffnung

Theaterhaus Stuttgart


»Francis Bacon«

Ein Tanztheaterstück von Johann Kresnik und Ismael Ivo



Regie:

Johann Kresnik

Choreografie:

Mara Borba, Tero Saarinen, Ismael Ivo, Johann Kresnik

Raum und Kostüme:

Penelope Wehrli

Musik:

Paulo Chagas

Libretto und Dramaturgie:

Hansjörg Schertenleib

Lichtdesign:

Ralf Köhler

Technische Leitung:

Eckhard Wiederkehr

Tanz:

Mara Borba, Tero Saarinen, Ismael Ivo

Die Musik wird eingespielt.



Zwei Männer ringen miteinander – ein erbarmungsloser Kampf, oder Liebesakt? Oder beides? Und die Frau: zwischen Madonna und Schlachtvieh ist sie Identifikationsfigur christlicher Prägung und moderner Psychologie. Dieses szenische Werk taucht ein in die Tiefen der Imagination der Gemälde des englischen Malers Francis Bacon und ergibt ein Panorama der menschlichen Kreatur.

Bacon wurde 1909 in Dublin geboren. Seine Bilder finden keinen Platz an den Wänden im schönen Heim, sie stören das Harmoniegefühl, wirken verletzend, aufrührerisch, anklägerisch, bringen Unruhe ins Leben. Er war exzessiver Trinker, Spieler und Genießer, erklärter Außenseiter und Einzelgänger, Provokateur und Visionär, eine der Schlüsselfiguren der Malerei dieses Jahrhunderts, Mythos und Legende durch seine Kreuzigungsbilder, seine obsessive Bearbeitung von Velazquez Papstporträt, die stete Auseinandersetzung mit Bewegung, Raum, Zeit und Zufall. Bacon starb im April 1992.


»Das Thema ist die Angst, nackte Angst. Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Das Thema ist der Mensch an sich: Seine Geburt: ein qualvoller Prozess. Sein Tod: ein schäbig-elendes Verrecken. Das Leben: kein Vorgeschmack auf die Hölle, sondern die Hölle selbst. Das Ich: nackt und entblößt und ohne äußeren Schutz, zerrissen in sich, bis zum Kotzen verzweifelnd an seiner bloßen Existenz. Das Du: hassgeliebter Partner in einem unerbittlichen Kampf der Ausschlachtung aller Gefühle, Objekt der Begierde und zugleich des Ekels. Die Welt: ein eiseskalter Ort ohne Hoffnung, ohne Utopie« (Horst Vollmer, DGB-Kulturblätter, Stuttgart, Februar 1994).


Johann Kresnik ist, neben Pina Bausch in Wuppertal, der bedeutendste Vertreter des modernen deutschen Tanztheaters. 1939 in Österreich geboren, durchlief er zunächst mehrere Stationen einer Laufbahn als klassischer Ballett-Tänzer, ehe er 1967 zu choreografieren begann. Ab 1968 leitete er zehn Jahre lang das Bremer Tanztheater und war dann Choreograf und Regisseur in Heidelberg, am Theater in Bremen und als Gast u. a. in Berlin, Salzburg und Wien. Mit Beginn der Spielzeit 1994/95 wurde Kresnik unter der Intendanz von Frank Castorf an die Berliner Volksbühne berufen.

Die Inszenierungen von Kresnik sind Kommentare zur Zeit, welcher Sujets sie sich auch immer bedienen. Ob Thema oder Stoff dem Heute, dem Gestern oder Vorgestern entnommen sind, ob sie sich der »Wendewut« des Jahres 1990, dem Schicksal von Ulrike Meinhof, Rosa Luxemburg, der Malerin Frida Kahlo oder Shakespeares Lear oder Macbeth zuwenden – immer handelt es sich um politische Stücke, denn nichts ist für Kresnik politischer als das Leben. Sein »Choreografisches Theater« schockiert und fasziniert zu leicht.

»Francis Bacon« steht und fällt mit dem brasilianischen Tänzer Ismael Ivo. In seiner Geburtsstadt Sao Paulo wurde er zweimal als bester Solotänzer ausgezeichnet und 1983 von Alvin Ailey in dessen berühmtes American Dance Theatre nach New York geholt. Seit 1985 lebt Ivo in Berlin. Mit seinen zahlreichen Soloprogrammen gastierte er in der ganzen Welt und schuf 1993 seine erste Gruppenchoreografie »Labyrinthos« am Theaterhaus Stuttgart. Seit über zehn Jahren ist Ivo künstlerischer Leiter der Internationalen Tanzwochen Wien.

Mara Borba stammt ebenfalls aus Sao Paulo und erhielt eine moderne Ballettausbildung. Tero Saarinen ist finnischer Herkunft und studierte klassischen, nepalesischen und japanischen Tanz. Beide erarbeiten auch eigene Choreografien.


»Die Produktion ist ein Wurf – so aus einem Guss, dass es schwer fällt, die einzelnen Kompetenzen gegeneinander abzugrenzen. Sie ist elementares Körpertheater – mehr als Tanztheater, in das die drei Tänzer ihre Physis einbringen, ohne Rücksicht auf Verluste, geschweige denn Rücksicht auf die Normen der Ästhetik … Immer wieder hat die bildende Kunst in der Vergangenheit dazu herausgefordert, ihre stummen Inhalte und Botschaften zu beleben … Kaum je ist es indessen gelungen, Bildern, Gemälden, Porträts so unter die Haut zu dringen wie hier den Malereien des Francis Bacon« (Horst Koegler, Der Tagesspiegel, Berlin, 24.-26.12.1993).


Das Gastspiel erfolgt mit freundlicher Unterstützung durch den Landesverband Sachsen des Deutschen Bühnenvereins.