04. Festival 1994

Hauptprogramm


Samstag 26. Nov. // 17.00 – 18.15 Uhr
Schauspielhaus / Theater hinterm Eisernen

(Beitrag des Schauspiel Leipzig in eigener Auswahl)

Tanztheater des Schauspiel Leipzig


»Südraum«

Tanztheaterstück von Irina Pauls



Choreografie und Inszenierung:

Irina Pauls

Szenische Raumausstattung:

Bernd Sikora

Kostüme:

Axel Pfefferkorn

Musik:

Marcus Ludwig, Mark Sham/Art Lande, Arvo Pärt, Johann Sebastian Bach, Jean-Luc Fafchamps, Richard Strauss (Collage: Marcus Ludwig)

Technische Leitung:

Rolf Seydel

Tänzer:

Simone Beck, Anne Bergel, Christina Brückner, Riccarda Herre, Steffi Pfefferkorn, Angelika Wenzel, Camillo Heilscher, Werner Stiefel

Akkordeon:

Eduard Funkner

Ein Teil der Musik wird eingespielt.



Wie ein bedrohliches, gewalttätiges Tier rückt der Bagger immer näher, seltsame Töne dabei ausstoßend. So wird den Menschen langsam der Boden unter den Füßen weggezogen. Ausgangspunkt ist das Dorf Breunsdorf im Süden von Leipzig, das der Braunkohle weichen muss – das Schicksal von rund 60 Ortschaften dieser Gegend. Doch es geht um viel mehr: das Ausradieren von Identität, die Entwurzelung der Menschen.

Die einzige Möglichkeit für das Leben ist momentan, die Gefahr zu ignorieren. Die Menschen behalten ihre Spiele und Beschäftigungen bei, wenn auch alles von der Verzweiflung überschattet ist. Die Gefahr durch die Braunkohle ist zwar noch immer akute Gegenwart – doch kann der Bagger auch für einen anderen, wachsenden Moloch angesehen werden: den der Billigmärkte und des privaten Eigenbesitzes, der die Menschen immer zahlreicher aus ihren Häuser und ihrer Heimat vertreibt.

Irina Pauls geht es um die schlichten, einfachen Menschen, die bei all diesen Marktinteressen auf der Strecke bleiben. Was wird denn mit der ihre Katzen fütternden Frau, dem rührend hilflosen Behinderten, der sich in seine eigene Gedankenwelt zurückgezogen hat, und der jungen Braut, die immer apathischer den zunehmenden Schmutz von ihrem weißen Kleid abzuwaschen versucht? Bernd Sikora, renommierter Bühnenbildner, Formgestalter für angewandte und freie Kunst, Architekt und Dozent für räumliche Gestaltung an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, schuf innerhalb seiner szenischen Ausstattung ein großes Wasserbecken als Synonym für Natur und Leben und gab der Choreografie damit außergewöhnlich originelle Möglichkeiten.

Das Tanztheater im Schauspiel Leipzig wurde im Jahre 1990 gegründet und stellt, nach der Kündigung von Reinhild Hoffmann in Bochum im Zuge der Sparmaßnahmen, nunmehr das einzige einem Schauspielhaus zugehörige Tanztheater in Deutschland dar. Bei »Südraum« handelt es sich bereits um das achte und hintergründigste Stück seiner Leiterin Irina Pauls, deren Bestseller »Happy Schwanensee Day« nach vier Jahren noch immer vor ausverkauftem Haus gespielt wird.


»Wenn sich am Ende der bedrückend geschlossene Raum … öffnet, läuft es einem kalt über den Rücken. Die Menschen stehen vor der Freiheit, doch entwurzelt, fragend, vor einer großen Leere und Einsamkeit – ein Stück auch ostdeutscher Befindlichkeiten. Lautlos rieselt Kohlenstaub aus dem Bagger, der plötzlich als Lebensuhr verstanden werden kann. Ein faszinierendes Theaterereignis« (Ann-Elisabeth Wolff, ballett international/tanz aktuell, Berlin, August/September 1994).