04. Festival 1994

Konzeption


»Vision Europe – dem Fremden eine Tür«

24. – 27. November 1994


(Vorwort zum Programmheft – mit der Konzeption zum Festival)


Es waren zwei Abgründe, die sich seit der vergangenen euro-scene Leipzig auftaten, diese für immer in die Tiefe zu reißen: Die aussichtslos scheinende ökonomische Situation und der Tod von Matthias Renner, dem Gründer und Direktor des Festivals. Beides hätte Anlass sein können, die euro-scene Leipzig dem derzeitigen Kultursterben zum Fraß zu überlassen.

Doch das durfte nicht sein! Zu schön war die Vision, durch Theater dem Fremden eine Tür zu öffnen und auf diese Weise auch uns Möglichkeiten zu bieten, das Fremde besser zu verstehen. Die phantastische Idee, modernes Theater experimentellen Charakters aus Europa während eines Festivals alljährlich nach Leipzig zu holen, war in die Praxis umgesetzt und innerhalb kurzer Zeit zu einem Ereignis von Rang geworden, das weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus Wellen schlug.

Auch ist die euro-scene Leipzig in den drei Jahren, und dies war kein leichter Weg, innerhalb des internationalen Kontaktnetzes des professionellen Avantgarde-Theaters zum Kettenglied geworden, dem einzigen in den neuen Bundesländern. Der Blick richtet sich auch hier auf Leipzig. Und außerdem: Nur der Versuch, das Festival zu erhalten, konnte das Vermächtnis von Matthias Renner bewahren. So riskierte ich als seine ehemalige Stellvertreterin den Rettungsakt – immer auch das Publikum mit seinem großen Interesse an der Sache hinter mir wissend.

Mit »Francis Bacon« wurde erstmals eine Inszenierung von Johann Kresnik, dem berühmtesten enfant terrible der gegenwärtigen deutschen Tanzszene, nach Leipzig eingeladen. Diese international viel gefragte Produktion mit Ismael Ivo hat bei uns seine Premiere in den neuen Bundesländern. Hierher kommt auch zum ersten Mal die katalanische Compagnie Lanònima Imperial, eine der besten Truppen Spaniens.

Wie breit das Festivalprogramm stilistisch gefächert ist, zeigen als Gegensatz zu dem verzweiflungsvoll-düsteren »Francis Bacon« Jo Fabians humorvoll-virtuose »Whisky & Flags«, das wohl originellste Stück ostdeutscher Prägung der letzten Zeit. Hier fließen Sprech- und Tanztheater ebenso ineinander wie Körper- und Musiktheater bei dem ungewöhnlich skurrilen Theatre Point aus Ungarn.

Mit ganz anderen Mitteln arbeitet Jean-Marc Matos aus Paris, dessen Einbeziehung von Videoinstallationen an die Performance »Red« (»Rot«) des Vorjahres von Kimmo Koskela aus Helsinki erinnert. Und nach dem Gastspiel von Philippe Saire aus der französischsprachigen Schweiz zeigt in diesem Jahr das hervorragende ch tanztheater Zürich einen Abend. Einer wahren Entdeckung gleich kommt »Cela« (»Die Zelle«), eine verblüffende Ausnahme-Produktion des polnischen Theatre TUBB II. Und schließlich folgen, wie schon in den vergangenen Jahren, das Schauspiel Leipzig und die Oper Leipzig der Einladung, mit einer Inszenierung eigener Wahl am Festival teilzunehmen.

Neben den Vorstellungen wird es, in umfangreicherem Maß als bisher, ein Zusatzprogramm geben. Durch verschiedene Gespräche und einen Workshop erhält das Publikum Gelegenheit, mit Künstlern und Fachleuten enger ins Gespräch zu kommen. Unser Festivalclub ist in diesem Jahr das Café Intershop.

Oft verkündet Theater die Botschaft, eine Idee könne auch den Tod eines Menschen überleben. Dass die euro-scene Leipzig ihren unvergessen bleibenden Initiator Matthias Renner überlebt hat, ist vor allem denen zu verdanken, die das Festival in dieser ökonomisch schwierigen Zeit ermöglicht haben. Und da sei, neben den genannten Institutionen, ganz persönlich Herrn Gerhard Notdurft, dem amtierenden Intendanten und Verwaltungsleiter des Schauspiel Leipzig, gedankt, ohne dessen großzügige und unbürokratische Unterstützung das Ende des Festivals besiegelt gewesen wäre. Und ich danke meiner Kollegin Beate Fischer für ihr Durchhaltevermögen selbst in den hoffnungslosesten Situationen.

Ich wünsche Ihnen allen erlebnisreiche Stunden bei der 4. euro-scene Leipzig. Ob für das nächste Jahr dann ein Jubiläum angekündigt werden kann, ist noch unsicher. Doch Visionen liegen meist in weiter Ferne – so nah.


Ann-Elisabeth Wolff
Festivaldirektorin