02. Festival 1992

Hauptprogramm


Sonntag 22. Nov. // 19.00 Uhr
Schauspielhaus

Abschlussgala

I. Folkwang-Tanzstudio, Essen


»Sanguis«

Tanzstück von Urs Dietrich



Choreografie und Ausstattung:

Urs Dietrich

Musik:

Johann Sebastian Bach – Toccata d-moll,
David Bowie – Unwashed and some what slightly dazed

Musikalische Bearbeitung:

Tonstudio Brinker

Lichtgestaltung:

Wilfried Kresiment

Tänzer:

Regina Advento, Rainer Behr, Daniel Condamines, Daniel Goldin, Nayoung Kim, Daphnis Kokkinos, Amaya Lubeigt, Cristina Numa, Jordi Puigdefabregas, Enrica Salvatori, Rodolfo Seas Araya, Yudistira Syuman, Diana Szeinblum

Die Musik wird eingespielt.



In die Stille bricht dröhnend Bachsche Orgelmusik. Sand stiebt. Im scharf gezeichneten Kreuz aus weißem Licht steigern sich die Bewegungen von Frauen und Männer zum alptraumhaften Toben. Und plötzlich ist es wieder still.

»Sanguis« ist das lateinische Wort für Blut und, so der Choreograf, »steht für das Leben selbst«.

Ein Mann im Hemd wird von einer Frau angezogen, zuerst die Socken, dann die Hosen, schließlich der Schlips. Plötzlich räkelt und windet er sich rücklings auf dem Boden. In seiner Nähe knien im Gegenlicht zwei Frauen, die Sand aufhäufen. Behagen und Missmut scheinen den Körper des Mannes zu krümmen und zu biegen, bis er in embryonaler Hocke zur Ruhe kommt.

Die Choreografie kostet die Vieldeutigkeit der Gebärden und Arrangements aus. Zärtlichkeit verfälscht sich zu Verlegenheitsgesten und gipfelt in Tücke. Wie die harten Fakten des Daseins und die Ebenen der menschlichen Seele ineinander gleiten, so wechseln die Genres der Tanzkunst. Vom ernsten Weihspiel über die Gesellschaftssatire zum Psychodrama oder zur pointierten Komödie läuft das Karussell aus Scherz und Tiefsinn.

Die Truppe brilliert als Ensemble. Die ausgeprägten Tänzerpersönlichkeiten haben im Wechsel von Gruppe zu Solo- und Duoszenen Raum, ihre reiche Unverwechselbarkeit und ihr technisches Können zu entfalten. Die ethnischen Unterschiede in der Compagnie schaffen einen zusätzlichen Reiz.

Das Folkwang Tanzstudio geht auf das von Kurt Joos 1928 an der Essener Folkwangschule gegründeteTanztheater zurück. Dem hier entwickelten Realismus in Thema und kantiger Bewegungssprache blieb das Studio, das heute von Pina Bausch künstlerisch geleitet wird, treu.


»Der junge Schweizer und Absolvent der Folkwangschule Urs Dietrich muss spätestens nach ›Sanguis‹ als große Hoffnung des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland gelten« (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen, 19.02.1991).


Das Gastspiel wurde im Rahmen des Nationalen Performance Netzes durch Digital Equipment ermöglicht – das NPN wird betreut von Joint Adventures, München.



II. Marcia Haydée, Stuttgarter Ballett
John Neumeier, Hamburger Ballett


»Die Stühle«

Ballett von Maurice Béjart nach dem gleichnamigen Einakter von Eugène lonesco



Choreografie:

Maurice Béjart

Text:

Eugène lonesco

Musik:

Richard Wagner, aus »Tristan und Isolde« – Vorspiel und Isoldes Liebestod

Licht:

John van der Heyden

Beleuchtungseinrichtung:

Rolf Warter

Tänzer:

Marcia Haydée, John Neumeier

Die Musik wird eingespielt.



»Ein altes Ehepaar, verloren auf einer Insel lebend, empfängt imaginäre Gäste, um ihnen eine Botschaft zu verkünden. Nur der Tod erwartet dieses gealterte Liebespaar – diesen ›Tristan‹ und diese ›Isolde‹ –, die als jugendliche Greise mit ihren Träumen lächerlich wirken.« (Maurice Béjart)

Die in Brasilien geborene Marcia Haydée ist eine der größten Ballerinen unserer Zeit. John Cranko engagierte sie als erste Ballerina nach Stuttgart und schuf für sie fast sein gesamtes Repertoire, so »Romeo und Julia«, »Onegin« und »Der Widerspenstigen Zähmung«. Marcia Haydée tanzte alle großen klassischen Rollen wie Odette/Odile in »Schwanensee« und »Giselle« und inspirierte gleichzeitig berühmteste Choreografen wie Kenneth MacMillan, Glen Tetley und Maurice Béjart zur Schaffung neuer Werke. John Neumeier choreografierte für sie seine abendfüllenden Produktionen »Endstation Sehnsucht« und »Die Kameliendame«. Seit 1976 ist Marcia Haydée die Direktorin des Stuttgarter Balletts, einer der führenden Ballettcompagnien der Welt.

John Neumeier wurde 1942 in den USA geboren und 1963 von John Cranko als Tänzer an das Stuttgarter Ballett engagiert. Er übernahm 1969 die Leitung des Balletts Frankfurt/Main und ist seit 1973 Ballettdirektor und Chefchoreograf der Hamburgischen Staatsoper. Seine hinreißenden Neufassungen klassischer Werke wie »Dornröschen«, »Schwanensee« und »Aschenbrödel« und die Ballett-Uraufführungen, z. B. mehrere Mahler-Sinfonien, sein »Sommernachtstraum« nach Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und György Ligeti sowie Bachs »Matthäus-Passion« gehören zu den Höhepunkten des gegenwärtigen Balletts. Neumeier ist seit 1978 Direktor der von ihm gegründeten Ballettschule der Hamburgischen Staatsoper.

Maurice Béjart ist einer der bedeutendsten Choreografen der Gegenwart. Er wurde 1927 in Marseille geboren, wirkte lange in Paris und verkörpert mit dem von ihm 1960 in Brüssel gegründeten »Ballett des XX. Jahrhunderts« eine eigene Epoche des Tanzes. Seine Werke, die vom sensiblen Solo bis zur Monumentalshow reichen, besitzen Dimensionen unerschöpflicher Vielfalt. Zu seinen berühmtesten Choreografien gehören Strawinskys »Sacre du Printemps« und Ravels »Bolero«. Béjart löste seine Compagnie, mit der er 1987 nach Lausanne umgezogen war, in diesem Sommer auf, eröffnete hier eine multidisziplinäre Schule und ist ab 1992 auch »Principal Guest Choreographer« der Deutschen Staatsoper Berlin. Sein Ballett »Die Stühle« brachte er selbst zusammen mit Laura Proença 1980 in Rio de Janeiro zur Uraufführung. Die europäische Premiere mit Marcia Haydée und John Neumeier fand 1984 in Brüssel statt.


»Es gibt große Augenblicke in diesem Ballett. Augenblicke, in denen Béjart dem Leben auf den Grund kommt. Augenblicke der Wahrheit, in denen Marcia Haydée und John Neumeier die Scheinwelt ihrer Kunst durchbrechen und sich als Menschen offenbaren. Ihre gemeinsame Gratwanderung zwischen Text und Tanz, Musik und Mimik erweist sich auch für den Zuschauer als ein Abenteuer, aus dem es kein Zurück gibt. Man ist nach den ›Stühlen‹ wie verwandelt, ist sensibler geworden für die Erfahrungen der Zeit« (Stuttgarter Nachrichten, 09.11.1984).


Das Gastspiel erfolgt mit freundlicher Unterstützung durch Soft-Research | München, Berlin, Erfurt, Dresden, Frankfurt/M.